Buch: Poëma Naturale in der Edition Knüve erschienen
7. Juli 2026, Typografie
Poëma Naturale – meine buchkünstlerische Auseinandersetzung mit dem Gedicht der sorbischen Autorin Róža Domašcyna
Das erste Künstlerinnenbuch der Edition Knüve wurde Ende Juni fertig gestellt. Auf zwölf Seiten wird das Gedicht Poëma Naturale von Róža Domašcyna künstlerisch interpretiert. Gebunden ist das Buch in feines Materica Terra Rossa von fedrigoni. Erhältlich ist das Buch auf Grafik- und Druckmessen, sowie während der Präsentationen.
In dem zwölfseitigen Band mit Cover findet die künstlerische Auseinandersetzung mit den Mitteln von Sprache, Typografie und der traditionellen Handwerkskunst des Buch- und Hochdrucks statt. Das Gedicht Poëma Naturale von Róža Domašcyna wurde in inszenierender Typografie gestaltet. In der aufwendigen Technik der Algrafie entstand der sich durch das Buch ziehende florale Druck. Durch diese Verbindung von Sprache, Typografie und floralen Materialdrucken entstand das handwerklich gefertigte Buch, welches das Interesse für die Pflege und Förderung der sorbischen Sprache und Kultur als Ausdruck der Identität des sorbischen Volkes sichtbar macht. Die hochwertige und handgebundene Ausgabe nutzt traditionelle Handwerkstechniken, unterstützt damit die Bewahrung der sorbischen Identität und stärkt die Präsentation sorbischer Kunst und Kultur auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene.
Das für den Lyrikband verwendete Gedicht beschäftigt sich mit einer Besonderheit von Sprache und Umgangssprache. Die Begriffe von Flora und Fauna unterscheiden sich je nach Sprachraum, ja auch nach Region oder Dialekt. Diese in eine andere Sprache zu übersetzen, heißt sich der Begriffe der anderen Sprache zu bedienen. Róža Domašcyna stellt aber die rein sprachlich übertragenen Begriffe den Übersetzungen gegenüber. Aus dieser Semantik entsteht eine Spannung, die zur Interpretation und Auseinandersetzung einlädt und somit den Raum für eine Auseinandersetzung mit der sorbischen Sprache einlädt. Das handwerklich gestaltete Buch verbindet so die kulturelle Tradition, die sprachwissenschaftliche Analyse und die künstlerische Umsetzung zu einem einzigartigen Projekt.
Eine ausführliche Projektbeschreibung:
Das Gedicht Poëma Naturale wurde von Róža Domašcyna geschrieben und reiht sich ein in ihre vielfältiges lyrisches Œuvre. Das Gedicht Poëma Naturale wurde 2006 in dem Band Stimmfaden im Verlag Das Wunderhorn veröffentlicht. Róža Domašcyna arbeitete als Übersetzerin und hat somit einen besonderen Blick auf die Feinheiten von Sprache. Dies sollte im Projekt als inhaltliche Schwerpunkte mittels inszenierender Typografie und traditioneller Handwerkskunst in einen Lyrikband sichtbar gemacht werden und zugleich als kulturelle Repräsentation der sorbischen Literatur im nationalen und internationalen Kontext wirken. So zurückhaltend wie die Dichterin in ihrem Gedicht von dem Wiedererwachen der Natur nach einem Feuer schreibt und sorbische Namen mit den deutschen verwebt, sollte auch die inszenierende Typografie sich einfügen und ein weiteres Element auf der Seite eines Verses werden. Die floralen Drucken sollen sich, zart begonnen, in der Wildheit der Mitte bis zum Schlussbild entfalten und so von der Kraft der Natur, dem immer wieder Aufkeimen und Fortpflanzen Zeugnis ablegen. Dies als Symbol für den Fortbestand bedrohter Sprachen, für die Schönheit und Bedeutung des Sorbischen. Mittels der scheinbar gebrochenen Sätze ab Vers zwei wird auf die Vernetzung und Durchdringung der sorbischen Lebenswelten eingegangen. Nicht der Zeilendurchschuß wurde verwendet, sondern die gebrochenen Zeilen hängen aneinander, wie die Übersetzung des sorbischen Begriffs, in all seiner Poetik, gemeinsam mit dem deutschen und dem lateinischen semantisch vernetzt ist.
Mit dem Fokus auf die Semantik der Bezeichnungen im Gedicht wurde ein besonderer Wert auf den Dialog mit dem Material, mittels Pflanzendrucks, gelegt. Ein Ziel war, die aus der Natur entnommenen Pflanzen durch einen direkten Abdruck sichtbar und in ihrer Vielfalt und Authentizität erfahrbar werden zu lassen. Dieses Vorhaben konnte mit der Flachdrucktechnik, der Algrafie, umgesetzt werden. Dafür waren jedoch Vorarbeiten notwendig, wie das Identifizieren von entsprechendem floralen Materialien, das Entnehmen aus der Natur und Waschen, sowie das Schneiden mittels eines Skalpells. Die benötigten Pflanzen wurden für zwei Stunden zum Antrocknen gepresst, sie behielten durch diese kurze Phase ihre Vitalität und konnten zum Druck verwendet werden. Im ersten Druckgang wurde das Pflanzenmaterial nahtlos aufgebracht, wie es beim Blättern im Buch zu sehen sein würde. Vor dem Belichten der Algrafieplatte wurde der Druckbogen ausgeschossen, die Vorlagen für Schön- und Wiederdruck angelegt. Nach dem fotomechanischen Belichten der Algrafieplatte wurde diese aktiviert und fand im floralen Druck ihre Verwendung. Diese drei Phasen gleichen den Metamorphosen der Pflanzenwelt im Jahresverlauf oder wie im Gedicht von Róža Domašcyna, nach einer (Feuer)-Apokalypse. Das Abbild der Pflanzen in den Phasen meiner Arbeit und die Pflanzen in der Natur sind regelmäßigen Veränderungen unterworfen, verändern sich, vom Hummus ausgehend, der die Samen nährt bis zur fruchtenden, ausgewachsenen Pflanze, bleiben doch immer sie selbst.
Ein weiteres Ziel war die Durchdringung des Textes und der floralen Gestaltung mittels einer inszenierenden Typografie in der Tradition der vergangenen zweihundert Jahre, begonnen mit Mallarmé, Ende des 19. Jahrhunderts, bis zur die Visuellen Poesie. Der Bedeutungsrahmen einiger im Gedicht verwendeter Pflanzen sollte um die lateinischen Begriffe dieser erweitert werden, jedoch wurde auch auf das Spiel der Dichterin eingegangen, so streuen sich Bruchstücke auf den Seiten des Lyrikbands und nur auf der letzten Seite, gleich einem Schlussakkord, türmt sich in drei Zeilen gestapelt der Rosmarin. Die Funktion dieser inszenierenden Typografie liegt in der Einladung zum Dialog, zur Auseinandersetzung mit Sprache und mit Fremdheit. In der bewußten Verwendung von Wortteilen liegt die Aufforderung sich tiefgründig mit der Verwandlung von Begriffen auseinanderzusetzen. Die poetischen Übersetzungen von Róža Domašcyna stehen dabei als Bedeutungsebene, weisen auf ihren Ursprung, die sorbische Sprache, hin. So wurde der Semantik des Gedichts neben den sorbischen Übersetzungen und den deutschen Begriffen mit den lateinischen Bezeichnungen eine weitere Einheit hinzugefügt (und es wäre ein leichtes, dieses System auf alle Sprachen der Welt, soweit die Pflanzen als solche bekannt sind, zu erweitern).
Nächste Präsentationen:
7. und 8. Novmeber 2026 in Frauenfeld/Schweiz: HPM Frauenfeld.
Ein ganzes Wochenende werde ich auf der Buch und Druckkunstmesse im schweizerischen Frauenfeld meine Arbeiten präsentieren.
Informationen zur Messe finden Sie hier: www.buch-und-druckkunst-messe.ch.
4. Dezember 2026 im Sorbischen Museum Bautzen.
Weitere Informationen folgen.
Präsentation: 20. August 2026
Im Deutschen Buch- und Schriftmuseum an der Deutschen Nationalbibliothek findet die erste Präsentation des Künstlerinnenbuch „Poëma Naturale“ im Beisein der Autorin Róža Domašcyna statt. Durch die Veranstaltung führt der Verleger Andreas Heidtmann (poetenladen.de). Umrahmt wird die Veranstaltung von Alejandro Barría, Cello & Loops (Instagram: bassocello).
Beginn: 16 Uhr, Ort: Dauerausstellung des Museums.
Deutsches Buch- und Schriftmuseum, Deutscher Platz 1, 04103 Leipzig
Kurz und genau
Label: Edition Knüve von Annett Riechert, gegründet 2026 in Leipzig
Webadresse: https://edition-knüve.de/
Idee und Umsetzung: Annett Riechert.
Handwerk: Handsatz, Floraler Druck, Flachdruck (Algrafie), Buchdruck, Handbindung
Fonts: Bleisatz: Vendôme, François Ganeau (1951) und Super Grotesk.
Werkstätten: FBPress, Grafikwerkstatt Dresden, Buchkunst Anne Deuter.
Fotos: Anne Deuter.
Förderhinweis:
Das Vorhaben wird gefördert durch die Stiftung für das sorbische Volk, die jährlich auf der Grundlage der beschlossenen Haushalte des Deutschen Bundestages, des Landtages Brandenburg und des Sächsischen Landtages Zuwendungen aus Steuermitteln erhält.
Projekt spěchuje Załožba za serbski lud, kotraž dóstawa lětnje přiražki z dawkowych srědkow na zakładźe hospodarskich planow, kotrež su Němski zwjazkowy sejm, Krajny sejm Braniborskeje a Sakski krajny sejm wobzamknyli.
Projekt spěchujo Załožba za serbski lud, kótaraž dostawa lětnje pódpěru z dankowych srědkow na zakłaźe góspodaŕskich planow, kenž su Nimski zwězkowy sejm, Krajny sejm Bramborska a Sakski krajny sejm wobzamknuli.
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